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Das erste Dimicare Kindercamp – September 2008
"So können unsere zarten Wurzeln zunächst kräftiger und eines Tages vielleicht auch zu Flügeln werden."
Rund ein Jahr dauerten die Vorbereitungen für die Dimicare Anneliese Langner Stiftung. In der ersten Septemberwoche lud Dimicare die erste Gruppe von Vorschulkindern zu einem ganz besonderen Camp in der Nähe von Potsdam ein. Mädchen und Jungen zwischen vier und sechs Jahren erlebten eine besondere Woche.
Tom ist sechs und hat Angst vor Männern. Mal weint er, ist bockig, verschlossen oder besonders wild, dann wieder fröhlich und zugänglich. Sein Vater soll ihn sexuell missbraucht haben. Die Schwestern Gina und Mandy, vier und fünf Jahre alt, wurden vor einem dreiviertel Jahr aus einer völlig verdreckten Wohnung befreit, waren unterernährt und konnten beide nicht sprechen. Mandy ist mit einer Gaumenspalte geboren, die medizinisch noch nie versorgt worden war. Inzwischen ist sie operiert und lernt langsam, sich mit Sprache zu verständigen. Beide Mädchen leben jetzt in einem Heim. Jessica kennt nur Schläge, keine Liebe und Zuwendung. Wenn sie Angst und Panik spürt, muss sie sich übergeben. Celine ist sechs und hat jetzt schon ein schwarzes Gebiss. Ihre Mutter ist 28 und hat keinen gesunden Zahn mehr im Mund. Kinderschicksale in Deutschland.
Hier auf dem Bauernhof in Brandenburg, treffen diese Vorschulkinder auf eine heile Welt mit engagierten Erziehern und liebevoller Betreuung. Die Wände sind bunt angemalt, die Atmosphäre kindgerecht, und es warten Pferde, Katzen, Hunde, Papageien und ein Hängebauchschwein auf Streicheleinheiten. Es gibt regelmäßiges gesundes Essen, keinen Fernseher, die Kinder lernen eine Zahnbürste richtig zu benutzen und sich regelmäßig zu waschen. Zu den Programmpunkten in dieser Woche gehören Reit- und Musiktherapie, basteln, spielen, vorlesen und vor allem Spaß und Lachen. Dr. Michael Schenk, Musikwissenschaftler, Komponist und Klangkünstler, arbeitet mit den Kindern jeden Tag auf eine ganz intensive Art und Weise. Dr. Michael Schenk: „Wichtig war einerseits das bewusste Hören und die Wahrnehmung der Umgebung – im Wald, im Haus, auf der Straße. Töne zu erkennen, die uns ständig umgeben. Aber auch zu erkennen, was täglich überhört wird. Die leisen Töne nämlich. Herzklopfen, Bauchgrummeln, Geräusche beim Laufen und Atmen. Anschließend haben wir versucht, diese Klänge mit Naturmaterialien, Papier und anderen Geräuschemachern und selbst gebastelten Instrumenten zu imitieren. Wir konnten auf diese Weise sogar eine Klanggeschichte entwickeln und improvisieren. Das war für die Kinder sehr aufregend.“
Durch das intensive Hören und den Umgang mit Sprache, Musik und Geräuschen lernen die Kinder etwas, was den meisten fehlt: sich selbst zu spüren, wahrzunehmen, aber auch zuzuhören und andere ausreden zu lassen. Die Kraft der Musik und der Worte wird zum Synonym der eigenen Stärke: man muss nicht brüllen, nicht aggressiv und laut sein, um seine persönlichen Ziele zu erreichen. Auch Stille kann sehr kraftvoll sein. Denn sie ist oftmals die Basis für Kreativität, Kommunikation auf hohem Niveau und letztendlich auch der Motor, eigene Wünsche und Perspektiven zu erkennen und umzusetzen. Dr. Michael Schenk: „Für die Kinder war das eine ganz neue Welt, denn sie leben entweder isoliert oder in einer Gruppe unterdrückt. Sie konnten viel entdecken, erfahren, erleben und werden sich auch später daran erinnern. Solche Erfahrungen kann man mitnehmen in sein Leben.“
Hinter all diesen Aktivitäten steht eine Grundidee: diesen Kindern eine Chance zu geben, sie in ihrem Selbstwert zu stärken, ihnen Angst und Zweifel zu nehmen. Sie gewinnen Selbstvertrauen und Mut, erkennen die eigenen Möglichkeiten und Perspektiven. Kreativität hilft gegen Lethargie. Fleiß macht erfolgreich. Mut bereichert das Leben. Freundschaft macht Spaß. Wettkampf stärkt den Ehrgeiz. Kommunikation ist ein Mittel gegen Aggressionen. Gleichmachung und Unterdrückung führen zu Frust und Langeweile. Das alles geht schon mit den Kleinsten.
Anneliese Langner, Diplompadägogin und selbst Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern, über ihre Motivation, sich auf diese Weise in ihrer eigenen Stiftung sozial zu engagieren. „Mein ganzes Leben lang, auch als ich noch unternehmerisch tätig war, habe ich die Probleme von Frauen und Kindern gesehen. Und dabei spielt die gesellschaftliche Herkunft keine Rolle – ob nun wohlhabend oder aus armen Verhältnissen, Probleme ziehen sich durch alle Einkommens-, Bevölkerungs- und Bildungsschichten. Frauen und Kinder sind in ihrer Not allein gelassen. Und da möchte ich helfen. Dimicare kommt aus dem Lateinischen und heißt ‚kämpfen’ – und darum geht es: nicht zu resignieren und den Kopf in den Sand zu stecken, sondern zu kämpfen, stark zu sein, für seine Würde und Rechte und mit Mut für die eigenen Wünsche und Perspektiven einzustehen.“
Dimicare wendet sich vor allem an Frauen und Kinder in Not: „Körperlicher, sexueller und auch seelischer Missbrauch findet in vielen Familien statt. Frauen werden von ihren Männern bedroht und erpresst, Kinder geschlagen und missbraucht. In anderen Familien müssen Kinder per Unterschrift aufs Erbe verzichten, weil der Vater z.B. eine neue Familie plant, manchmal werden sogar Adoptionen rückgängig gemacht, weil das Kind nun volljährig ist und nicht mehr ins Bild passt. Der Missbrauch ist da weit gefächert. Rechtlich werden solche Menschen oft völlig im Stich gelassen. Wir möchten helfen, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten und zu erkennen, wie wichtig ein stabiles, soziales Netz und der Glaube an sich selber sind.“
Tom, Gina und die anderen Berliner Kinder erleben eine neue Welt. Die Erzieher helfen dabei, keine Angst zu haben, sondern mutig zu sein, sich zu trauen. „Gerade die Reittherapie war beeindruckend. Manche hatten so viel Angst – aber am Ende haben sich doch alle getraut, eine Runde zu reiten. Manche sogar schon im schnellen Trab. Das bringt natürlich ungeheuer viel Selbstvertrauen.“
Für Anneliese Langner war die erste Woche voller positiver Erlebnisse: „Die Gruppe bestand ja aus zusammen gewürfelten Kindern aus Berlin und Brandenburg, die sich vorher nicht kannten. Nach sehr kurzer Zeit entstand eine kreative Gruppendynamik. Es gab keinen Streit, keine Auseinandersetzungen, sondern ein respektvolles, liebevolles Miteinander. Die Kinder fassten Vertrauen zu Dr. Schenk, den Betreuern und auch zu mir. Wir haben erfahren, dass kleine Kinder, selbst mit solchen Schicksalen, vertrauen können! Für uns in der Verantwortung gab es einmal mehr die Erkenntnis, loyal und vorsichtig zu sein, gerade in klassischen Dingen wie Ansprache, Gerechtigkeit und Fairness. Und natürlich brauchen die Kinder ganz viel Liebe, Zuwendung und Geborgenheit.“
Was bleibt? „Wer möchte, kann noch einmal eine Woche mit uns verbringen. Wir haben auch festgestellt, dass drei der Kinder aus unserer ersten Gruppe spezielle Hochbegabungen haben. Wir helfen Erziehern und Eltern dabei, diese Begabungen zu fördern und zu unterstützen. Natürlich wollen wir auch die Eltern gewinnen, den ‚Erziehungsführerschein’ zu machen. So können unsere zarten Wurzeln zunächst kräftiger und eines Tages vielleicht auch zu Flügeln werden.
